VW erklärt den Krieg – nur nicht offiziell
Neun außerordentliche Betriebsversammlungen, eine Werkstour des Vorstandschefs, und am Ende steht ein Wort, das man von der eigenen Gewerkschaft eigentlich nicht hören will: Super-GAU. Nicht für die Produktstrategie. Nicht für die Absatzzahlen. Sondern für die Art, wie der Vorstand mit den eigenen Leuten redet.
Der Befund der Gewerkschaft
Heute endet in Hannover die letzte einer Serie von neun außerordentlichen Betriebsversammlungen, mit denen Konzernchef Oliver Blume persönlich durch die deutschen VW-Werke getourt ist, um den verschärften Sparkurs zu erklären. Das Fazit von Niedersachsens IG-Metall-Bezirkschef Thorsten Gröger fällt vernichtend aus: Bei der Produktstrategie sei Volkswagen zwar auf einem besseren Weg – aber die Art, wie die aktuelle Debatte seitens des Vorstands geführt werde, sei ein "Super-GAU".
Man sollte innehalten bei diesem Satz. Die Gewerkschaft bescheinigt dem Konzern selbst eine gewisse Kurskorrektur in der Sache. Das eigentliche Problem liegt woanders: in der Kommunikation. In der Art, wie man mit Menschen redet, deren Existenz auf dem Spiel steht.
Auf die direkte Frage, ob der Vorstand den Beschäftigten damit den Krieg erklärt habe, windet sich Gröger noch: "So etwas würde ich niemals sagen." Um im nächsten Atemzug nachzulegen – die Zeichen stünden "auf Konflikt". Diplomatischer kann man eine Kampfansage kaum verpacken.
Was auf dem Spiel steht
Es geht nicht um Nuancen. Seit Blume angekündigt hat, den Sparkurs weiter zu verschärfen, bangen zehntausende Beschäftigte um ihre Arbeitsplätze – und gleich vier komplette Werksstandorte in Deutschland stehen zur Disposition. Vier Standorte. Nicht vier Abteilungen, nicht vier Schichten. Ganze Werke, mit allem, was an Städten, Familien und Zulieferern daran hängt.
Parallel dazu kursieren Spekulationen, der Vorstand könnte seine Sparpläne notfalls am Aufsichtsrat vorbei durchsetzen – über eine außerordentliche Hauptversammlung. Ein Vorgehen, das nach Einschätzung der Gewerkschaft genau das Vertrauen untergräbt, das Belegschaft und Unternehmen bislang zusammengehalten hat. Wenn diese Spekulation zutrifft, geht es längst nicht mehr nur um Sparmaßnahmen, sondern um die Frage, wer bei Volkswagen eigentlich noch etwas zu sagen hat.
Eine Geschichte, die man nicht ausblenden sollte
Bemerkenswert ist, worauf Gröger in diesem Zusammenhang verweist: die Gründungsgeschichte des Konzerns. Volkswagen wurde einst mit Vermögen aufgebaut, das die Nationalsozialisten den Gewerkschaften geraubt hatten. Wer diese Geschichte kennt, so die unausgesprochene Mahnung, sollte wissen, welche besondere Verantwortung daraus gegenüber der eigenen Belegschaft erwächst.
Das ist kein rhetorischer Kniff. Es ist eine Erinnerung daran, dass die Beziehung zwischen diesem Konzern und seinen Beschäftigten nie eine gewöhnliche Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung war – sondern eine, die historisch mit einer besonderen Verpflichtung verbunden ist. Genau diese Verpflichtung sieht die Gewerkschaft gerade verletzt.
Und jetzt?
Noch gilt die Friedenspflicht – bis zum Jahreswechsel. Erst danach wäre ein Streik überhaupt eine Option. Doch man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, wie es weitergeht, wenn sich am Kommunikationsstil in der Wolfsburger Chefetage nichts ändert. Eine Belegschaft, die sich als Gegner statt als Partner behandelt fühlt, vergisst das nicht, nur weil die Friedenspflicht formal noch läuft.
Wolfsburg brennt. Der Vorstand hat nur vergessen, es der eigenen Belegschaft rechtzeitig zu sagen – und tourt jetzt durch die Werke, um den Schaden zu begrenzen, den man sich selbst eingebrockt hat.
Quellen:
- Neue Osnabrücker Zeitung (Originalinterview mit Thorsten Gröger)
- nw.de – "IG Metall: Zeichen bei VW stehen auf Konflikt"
- blechnet.com – "IG Metall kritisiert VW-Vorstand: Debatte um Sparkurs eskaliert"
- finanzen.ch – "IG Metall: Zeichen bei VW stehen auf Konflikt"
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