Waldbrand, Borkenkäfer und Windkraft im Hürtgenwald – die lange Vorgeschichte einer „vorbereiteten“ Fläche
Im August 2026 erlebte Nordrhein-Westfalen den größten dokumentierten Waldbrand seiner Geschichte. Zwischen dem 13. und 20. August brannten im Hürtgenwald (Kreis Düren) schätzungsweise 300 bis 400 Hektar. Der Ortsteil Gey wurde evakuiert (rund 1.800 Menschen). Am 20. August erklärte Bürgermeister Stephan Cranen den Brand für gelöscht.
Parallel existiert seit Jahren die Planung der Gemeinde Hürtgenwald für die Fläche A „Rennweg“ – 222 Hektar als Konzentrationszone für Windenergie (FNP-Änderung). Die Überlagerung zeigt: Ca. 170–200 Hektar (75–90 % der geplanten Windfläche) liegen innerhalb der Brandfläche.
Die Vorgeschichte: Erst Borkenkäfer, dann Feuer – genau in der abgelehnten Region
Die Fläche „Rennweg“ (zwischen Gey, Großhau und Rennweg) ist kein neuer Einfall. Sie wurde bereits in der Standortuntersuchung zur 9. FNP-Änderung (um 2016/2017) als eine von vier potenziell geeigneten Flächen identifiziert (neben H, K und M). Nur die Flächen H (Ochsenauel/Brandenberg) und M (Peterberg/Raffelsbrand) wurden damals tatsächlich als Konzentrationszonen ausgewiesen. Fläche A „Rennweg“ blieb zurückgestellt.
Bereits 2013 gab es massiven Bürgerwiderstand genau gegen Windkraftpläne am Rennweg: 711 Unterschriften aus Gey und Großhau. Die lokale Ablehnung war klar.
In den Jahren danach setzte in weiten Teilen NRWs (und auch in der Eifel) der Borkenkäfer (vor allem Buchdrucker) in den Fichtenbeständen massiv ein – begünstigt durch Dürre und Hitze seit 2018. Viele Nadelwälder wurden zu Kalamitätsflächen. Genau diese Flächen werden nach dem LEP-Erlass Erneuerbare Energien NRW (Dezember 2022) ausdrücklich bevorzugt für Windenergieanlagen freigegeben: Wo der Wald seine wesentlichen Funktionen durch Schädlinge, Dürre oder Sturm bereits weitgehend verloren hat, ist die Errichtung von WEA rechtlich und politisch deutlich leichter.
Analysen des Brandgebiets 2026 zeigen, dass rund ein Drittel der verbrannten Fläche bereits vor dem Feuer „Canopy Cover Loss“-Flächen (ehemalige Kahlschläge/Kalamitätsflächen) waren – überwiegend ehemalige Fichtenbestände. Der Borkenkäfer hatte also schon vorgearbeitet. Der Großbrand hat den Prozess auf einer großen, zusammenhängenden Fläche vollendet.
Die Reihenfolge ist auffällig:
- Frühe Identifizierung der Fläche Rennweg als Wind-Potenzial.
- Starker Bürgerwiderstand 2013 → vorläufige Ablehnung/Zurückstellung.
- Borkenkäfer- und Dürreschäden schaffen systematisch Kalamitätsflächen, die den rechtlichen Weg freimachen.
- Der historische Waldbrand 2026 trifft genau den Kern der lange umstrittenen Fläche und macht 75–90 % davon zur „vorbereiteten“ Kalamitätsfläche.
Kritik: Opportunismus statt Planung
Es gibt keine öffentlichen Beweise für eine gezielte „Freigabe“ durch Borkenkäfer oder Brandstiftung. Dennoch ist das Muster systemisch: Sobald ein Wald durch Schädlinge oder Feuer stark geschädigt ist, wird er plötzlich zur „Chance“ für den Windausbau erklärt. Die früheren Einwände der Bürger (Landschaftsbild, Artenschutz, Naherholung, Munitionsbelastung) verlieren an Gewicht, weil der Wald „eh schon kaputt“ sei.
Das ist keine Energiewende im Einklang mit dem Naturschutz, sondern eine Energiewende, die sich die Zerstörung des Waldes zunutze macht. Die CO₂-Speicherleistung ist weg, die Biodiversität massiv geschädigt, die Landschaft dauerhaft industrialisiert – und das Ganze wird dann als Beitrag zum Klimaschutz verkauft.
Besonders bitter: Die gleiche Region, die 2013 mit 711 Unterschriften klar „Nein“ gesagt hat, steht jetzt vor vollendeten Tatsachen. Transparente Neubewertung? Echte Bürgerbeteiligung nach dem Brand? Bisher Fehlanzeige.
Fazit
Der Hürtgenwald-Brand ist eine Katastrophe. Die geplante Windfläche „Rennweg“ war es für viele Anwohner schon vorher. Dass erst Borkenkäfer und dann ein Großfeuer genau die abgelehnte Region in eine genehmigungsfreundliche Kalamitätsfläche verwandelt haben, macht die Angelegenheit zu einem Lehrstück über die aktuelle Planungslogik: Zuerst wird der Wald geschädigt (oder man lässt es geschehen), dann wird die Schädigung als Begründung für Industrieanlagen genutzt.
Wer das als reinen Zufall abtut, ignoriert die lange Vorgeschichte der Fläche und die klare gesetzliche Bevorzugung von Kalamitätsflächen. Die Bürger von Gey und Großhau haben 2013 bereits Nein gesagt. Nach dem größten Waldbrand der NRW-Geschichte wäre es an der Zeit, dieses Nein endlich ernst zu nehmen – statt die verbrannte Erde als „Chance“ zu verkaufen.
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