Vertuscht und verharmlost: Der Berlin-Hack zeigt das eigentliche Staatsversagen
Ein Ransomware-Ultimatum läuft ab, und plötzlich liegen Verteidigungspläne für den Ernstfall im Darknet. Was wie der Plot eines schlechten Thrillers klingt, ist seit dieser Woche Realität für die Berliner Landesverwaltung – und der eigentliche Skandal ist nicht der Angriff selbst, sondern das, was die Verwaltung vorher wusste und trotzdem nicht änderte.
Was gestohlen wurde
Rund 1,44 Millionen Dateien, mehrere Terabyte an Umfang: Personalakten, Passwörter, Verträge, Finanzdaten – und Unterlagen, die eigentlich als Verschlusssache gelten sollten. Darunter Listen mit Anlagen und Einrichtungen, die im Verteidigungsfall besonders geschützt werden müssten: Kraftwerke, Tanklager, Umspannwerke, Notstromanlagen. Dazu Bundeswehr-Unterlagen und Material zum "Operationsplan Deutschland", das beschreibt, was der Ausfall bestimmter Anlagen für Bundestag, Polizei, Haftanstalten und Krankenhäuser bedeuten würde. Die Täter, eine Ransomware-Gruppe namens Rhysida, forderten 30 Bitcoin – rund zwei Millionen Euro. Berlin zahlte nicht. Nach Ablauf des Ultimatums landete das Material im Darknet.
Die Verharmlosung
Am 19. August erklärte Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) öffentlich, es gebe keine Hinweise darauf, dass sensible Daten abgeflossen seien. Wochen später, nachdem die Verteidigungsunterlagen längst im Netz kursierten, musste er einräumen: Der Erkenntnisstand sei heute ein anderer. Dazwischen liegt ein interner Vermerk aus dem Februar, den Recherchen mittlerweile öffentlich gemacht haben. Darin hielten Mitarbeiter der Bau- und Verkehrsverwaltung fest: "Kein digitaler Geheimschutz (im strengen Sinne) in der Berliner öffentlichen Verwaltung möglich." Die Konsequenz daraus? Keine. Die Verschlusssachen blieben auf denselben Systemen gespeichert, die die eigene Verwaltung als ungeschützt einstufte.
Das ist der Kern der Geschichte: Es geht nicht darum, dass eine Großstadtverwaltung gehackt werden kann – das kann praktisch jede Organisation. Es geht darum, dass Verantwortliche von der Lücke wussten, nichts unternahmen, und die Öffentlichkeit anschließend beruhigten, obwohl sie es nicht konnte.
Wer dahintersteckt – und warum das zweitrangig ist
Sicherheitsforscher ordnen Rhysida einem mutmaßlich russischsprachigen beziehungsweise osteuropäischen Umfeld zu – auf Basis von Sprachfragmenten im Schadcode und Überschneidungen mit der früheren Gruppe Vice Society. Eine offizielle staatliche Zuschreibung gibt es bislang nicht, weder von Berlin noch vom Bund. Wichtiger als die Frage, wer genau hinter der Tastatur saß, ist ohnehin eine andere: Warum durften hochsensible Dokumente überhaupt auf Systemen liegen, deren Schutzlosigkeit intern längst dokumentiert war? Diese Frage betrifft die Verwaltung selbst – unabhängig davon, wer am Ende zugriff.
Fazit
Der Berlin-Hack ist in erster Linie keine Geschichte über Cyberkriminelle. Es ist eine Geschichte über eine Verwaltung, die ihre eigene Verwundbarkeit kannte, sie ignorierte und dann versuchte, das Ausmaß kleinzureden, bis die Fakten sie einholten. Das ist der Teil, der bleibt, wenn der nächste Angriff längst wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist.
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